Fragen & Antworten

Was ist ein Formel Vau Rennwagen?

Die ursprĂŒngliche Idee ist faszinierend einfach: Man nehme Serienteile vom VW-KĂ€fer: die Vorderachse, die Lenkung, den Motor, das Getriebe nebst Differenzial. Letztgenannte Teile werden umgebaut, weil der Motor als Mittelmotor in einen Gitterrohrrahmen eingebaut ist – und nicht wie beim „Teilespender“ VW-KĂ€fer als Heckmotor. Der Umbau ist notwendig, um nicht 4 RĂŒckwĂ€rtsgĂ€nge und einen VorwĂ€rtsgang zur VerfĂŒgung zu haben 😉 ErgĂ€nzt wird eine offene Auspuffanlage. Alles, was darĂŒber hinaus stört, z.B. die Innereien der Lichtmaschine, kann entfernt oder bearbeitet werden. Dann bekommt das Ganze eine GFK-Monoposto-Karrosse nach eigenem GutdĂŒnken – und fertig ist der „Volksrennwagen“, der rennfertig maximal 375 kg wiegt. Trotz bescheidener Motorleistung reicht das mit Rennreifen fĂŒr erstaunliche Kurventempi und jede Menge Fahrspaß. So entstand in den 1960-er Jahren die Formel Vau in den USA.

Wie kam die Formel Vau in Europa zustande?

Im Jahre 1965 holte der damalige Porsche-Rennleiter Huschke von Hanstein zusammen mit Ferry Porsche 12 Formel Vau Fahrzeuge aus den USA, wo die Formula Vee, ersten Unkenrufen zum Trotz bereits boomte. Diese ersten Fahrzeuge, der (nicht allen Quellen zur Folge ganz eindeutigen) Überlieferung zur Folge vermutlich 6 Beachcar und 6 Formcar hatten noch den 1200-er Motor, leisteten etwa 40 PS und erreichten eine Höchstgeschwindigkeit von etwa 160 km/h. In den USA gibt es ĂŒbrigens bis heute aktuelle Formel Vau’s mit 1200-er Motoren!

Wie ging es dann weiter in Deutschland?

Die erste PrĂ€sentation dieser „Volksrennwagen“ fand im Rahmen des Eberbacher Bergrennens im Mai 1965 statt. ZunĂ€chst gab es einigen Spott angesichts der seltsam anmutenden Krabbeltiere, doch auch Rufe der Zuschauer „Sollen wir schieben helfen?“ konnten den Siegeszug der Formel Vau nicht aufhalten. Schnell entstanden auch im deutschsprachigen Raum neue Konstruktionen. Heinz Fuchs aus Rutesheim bei Stuttgart baute den „Fuchs“, die MAHAG aus MĂŒnchen den „Olympic“, Porsche Salzburg den „Austro Vau“, der Wiener Kurt Bergmann konstruierte den „Kaimann“. In Belgien entstanden die „Apal“ und die erfolgreichen amerikanischen „Autodynamics“ in Lizenz – um nur einige zu nennen. Die Formel Vau etablierte sich schnell als eine ernstzunehmende Nachwuchsrennformel.

Was leisten Formel Vau-Fahrzeuge?

Was Formel Vau Fahrzeuge zu leisten vermögen, zeigen noch heute Rundenzeiten „im Bereich moderner sportlich hochgezĂŒchteter Kleinwagen“ – so stellte der rennfahrende Chefredakteur der Motor Klassik Hans-Jörg Götzl in seinem Selbstversuch am Hockenheimring mit Erstaunen fest.

Solche Vergleiche reizten schon in den 1960-er Jahren: Niki Lauda bewegte bei einem Vergleichstest mit einem VW-KĂ€fer 1969 einen Kaimann in 1:20,6 um den kleinen Kurs in Hockenheim, der KĂ€fer brauchte dafĂŒr knapp eine halbe Minute lĂ€nger.

Gerne zitiert wird auch der vom Österreicher GĂŒnter Huber 1966 gefahrene Nordschleifen-Schnitt von 120,2 km/h im Formel Vau – zum Vergleich: Jack Brabham siegte im gleichen Jahr im Formel 1 mit einem Schnitt von 139,6 km/h auf der legendĂ€ren Eifel-Piste. Gerne verschiegen wird bei dieser gerne genommenen ErzĂ€hlung allerdings, dass es beim Formel 1 Rennen regnete und beim Formel Vau-Rennen trocken war. Egal – die Story ist gut und die Fahrleistungen sind im Vergleich eindrucksvoll genug.

Wie ging es nach diesem Start dann weiter mit der Formel Vau?

Derart beflĂŒgelt fuhr die Formel Vau bald auf allen bekannten Rennstrecken Europas und wurde zum Talentschuppen des großen Motorsports: Fahrer wie Niki Lauda, Jochen Rindt, Dr. Helmut Marko, Dieter Quester und viele andere legten hier den Grundstein fĂŒr ihre Karrieren.

Dabei wuchs die Formel Vau 1300 aus den Kinderschuhen. Das Reglement wurde immer weiter geöffnet. Waren es anfangs tatsĂ€chlich noch leicht modifizierte 1300-er KĂ€fermotore mit offenen Auspuffanlagen, serienmĂ€ĂŸigen Solex-Vergasern, die mit vielen Feinarbeiten auf etwa 70 PS gebracht wurden , so wurden spĂ€ter (ab 1973) 2 Vergaseranlagen (immer mit Einkanalköpfen und 1300 ccm), Trockensumpfschmierungen und andere Nockenwellen zugelassen – Leistung etwa 100 PS. Das Reglement blieb jedoch immer „kĂ€fernah“. So musste der Vorderachskörper beibehalten bleiben, durfte aber umfĂ€nglich modifiziert werden. FĂŒr eindrucksvolle Fahrleistungen reicht das – gemessen am SerienkĂ€fer – allemal. Kein Wunder, wiegen die Fahrzeuge doch nur knapp 400 Kilo.

Welche Tricks gab es in der Formel Vau?

Wenn die Fahrer von damals heute ihre Tricks zur weiteren Steigerung der Leistungsausbeute erzĂ€hlen, bekommt so mancher historische Racer die TrĂ€nen in die Augen: es wurden Vorrichtungen konstruiert, um wĂ€hrend der Fahrt die Keilriemen kappen zu können (jedenfalls solange es noch GeblĂ€se gab), bei Bergrennen wurde ohne Getriebeöl und angeblich auch ohne Ventilfedern (!?) gefahren. Die Motoren hielten – wen wundert’s? – ein Rennen. Auch beliebt war es, dem vorausfahrenden Fahrer im engen “Windschattenfahren” den Gang rauszudrĂŒcken. Was dazu fĂŒhrte, entsprechende Schutzvorrichtungen anzubauen. Das erlaubte dann wiederum die Formel-Vau-(Windschatten-)ZĂŒge im Kontakt mehrerer Fahrzeuge.

Wie kam es dann zur Formel Super Vau? Und was ist das?

Als die Formel Vau etabliert war und mehr und mehr an ihre Grenzen kam, die durch die KĂ€fertechnik eng gesteckt waren, kamen neue Impulse wiederum aus Amerika. Unter Verwendung des Typ 4 Motors mit 1600 ccm entstand die Formel Super Vau – anfangs mit einer Leistung von etwa 120 PS, spĂ€ter mit gut 140 PS. Dies ließ eine Höchstgeschwindigkeit von ca. 230 km/h zu. KĂ€fervorderachsen und andere KĂ€ferteile mussten reinen Rennsportteilen weichen. Mit diesen „richtigen“ Rennwagen empfohlen sich u.a. Jochen Maas, Emerson Fittipaldi, Nelson Piquet, Keke Rosberg, „Graf“ Freddy Kottulinsky, Bertram SchĂ€fer, Manfred Trint, Manfred Schurti, Arie Luyendijk und viele andere fĂŒr grĂ¶ĂŸere Aufgaben. 1973 gab es weltweit etwa 3.000 Formel Vau und Super Vau-Fahrzeuge, eine von einer Nachwuchsformel nie mehr erreichte Anzahl.

Warum und wie endete diese Ära?

Mitte der 70-er Jahre verschwanden die Super-Vau-Organspender aus den VW- (VW 411 und 412) und Porsche-VerkaufsrĂ€umen (VW-Porsche 914) oder wurden – wie der KĂ€fer – diskret hinter Golf, Passat und Scirocco geschoben. Folglich hielten ab 1978 die wassergekĂŒhlten Golfmotore in die Formel Super Vau Einzug. Und damit ging es mit den VW-Monoposti bergab: die Autos waren zu schnell und die NĂ€he zur Formel 3 zu groß. Ab 1983 wandte sich Volkswagen konsequenterweise der internationalen Formel 3 zu. Die goldene Zeit der Formel Vau und SuperVau war endgĂŒltig vorbei.

Nachdem VW den Support fĂŒr die Formel Vau 1300 eingestellt hatte, sorgte eine Gruppe von Enthusiasten ab 1977 im “Rennsportclub 77/Formel V Deutschland” fĂŒr die Fortsetzung der Geschichte, die bis in die 2000-er-Jahre reichte und unter anderem Fahrzeuge mit Kohlefaser-Monocoque und ausgeklĂŒgelter Aerodynamik (mit KĂ€fer-Vorderachskörper und 1300-er VW-Polo-Motor) hervorbrachte. Seit die Serie eingestellt wurde, haben diese Rennwagen ihre neue Heimat in den Klassen 6 und 7 (“Moderne Formel Vau”) in der Historischen Formel Vau Europa gefunden.

Volkswagen startete vor einigen Jahren herstellerseitig mit einer modernen „Formel Volkswagen“ einen Monoposto-Wiederbelebungsversuch, der jedoch bald gestoppt wurde. Die Autos erleben seither in SĂŒdafrika ihren zweiten FrĂŒhling.

Was macht die Historische Formel Vau Europa e.V.?

Die „goldene Zeiten“ der Formel Vau und Super Vau wollen wir heute mit der Historischen Formel Vau Europa e.V. wieder beleben und weiter erhalten. Dabei geht es darum, diese schönen Rennfahrzeuge möglichst originalgetreu, lediglich versehen mit den modernen Sicherheitseinrichtungen nach dem aktuellen Sportgesetz, auf die Rennstrecke zurĂŒckzubringen und deren Historie zu pflegen. Die Namen der Rennstrecken klingen bereits wie frĂŒher: Wir fuhren in den vergangenen Jahren u.a. in Hockenheim, am NĂŒrburgring, in Oschersleben, in Schleiz, in Spa, Zandvoort, Assen, Zolder, in Chimay, am Red-Bull-Ring oder am Salzburgring. Die Kreise werden dabei immer weiter – nach Monza und nach Silverstone wollen wir schon mal gerne in den nĂ€chsten Jahren.

Auch in den legendĂ€ren Steilkurven von Daytona-Beach waren wir mit Volkswagen-UnterstĂŒtzung 2013 mit 12 europĂ€ischen Rennfahrzeugen mit unterwegs –  zum 50-jĂ€hrigen Formula-Vee-Geburtstag “50 years of formula vee” in den USA.

2015 durften wir die Formel Vau und Super Vau mit einer großen Demonstration im Rahmen des DTM-Wochenendes am Norisring zeigen, wo 1965 das erste offizielle Formel-Vau-Rennen stattfand.

Und auch in Le Mans waren wir 2016 bei DemonstrationslÀufen unterwegs.

Die Starterzahlen den GleichmĂ€ĂŸigkeitslĂ€ufen der Historischen Formel Vau Europa liegen zwischen 30 bis 50 Fahrzeugen.

Es gilt bei alledem das Motto: Born to be V!

Was ist reizvoll daran, heute historischen Motorsport mit Formel Vau und Super Vau-Rennwagen zu betreiben?

Das Schöne an der Formel Vau ist neben der kĂ€fernahen Technik und dem gigantischen Fahr-Feeling mit doch sehr beachtlichen Kurvengeschwindigkeiten, insbesondere der Sportsgeist und das ZusammengehörigkeitsgefĂŒhl im Verein der Historischen Formel Vau Europa e.V.. Obschon auf der Strecke auch hart gefightet wird, geht’s doch im Fahrerlager sehr familiĂ€r zu und jeder hilft jedem bei den dann doch gelegentlich auftretenden Problemen. Gemeinsam mit den Legenden von damals, die heute noch aktiv mitmachen oder aber gerne zu Gast sind, betreiben circa 120 (von etwa 280) Vereinsmitglieder aus 14 LĂ€ndern den Sport aktiv. Und auch die Jugend ist zunehmend mehr mit dabei. Die Alterspanne der aktiven Fahrer*innen reicht von 17 bis in den Ü-80-Bereich.

Dabei ist die Formel Vau auch heute noch sehr „volksnah“. Das betrifft die Menschen, die sie betreiben, aber auch die Kosten sind ĂŒberschaubar: ein Formel Vau-Rennwagen der ersten Generation ist fĂŒr Ă€hnliches Geld zu haben wie ein guter KĂ€fer aus den 1960-ern. Hinzu kommen die laufenden Kosten: Betriebsstoffe, Reifen, Verschleiß, Nenngelder, Lizenzen, AusrĂŒstung – und als nicht zu vernachlĂ€ssigender Faktor: der Betrieb eines Zugfahrzeuges auf den An- und Abreisewegen quer durch Europa. Das alles soll möglichst nachhaltig und ressourcenschonend von Statten gehen. Mit den AktivitĂ€ten des Projektes “Vau-wie-Verantwortung” kĂŒmmert sich der Verein darum. Das reicht von der Ausstattung des kompletten Fahrzeugfeldes mit eFuels (in Spa 2023), der jĂ€hrlichen Pflanzung von 250 Setzlingen im Hockenheimer Stadtwald, dem Betrieb der Zugfahrzeuge mit HVO-Diesel bis zur MĂŒllvermeidung und der Optimierung der GerĂ€uschemmissionen.

All das macht “born to be V” reizvoll.