Posted On 16/05/2022 By In Highlights, News/ Berichte With 1245 Views

Die Stunde der Formel Vau im Rahmen der Bosch Hockenheim Historic

Jährlich im April findet zu Ehren des schottischen Formel-1-Weltmeisters Jim Clark die Bosch Hockenheim Historic statt. Mit dabei nach dem erfolgreichen Comeback im letzten Jahr auch in diesem Jahr wieder die Historische Formel Vau Europa. Und in diesem ganz besonderen Rahmen sollte unser Saisonhighlight, die „Stunde der Formel Vau“ ausgetragen werden.

Schon am Donnerstag morgen treffen kontinuierlich die Formel Vau-Teams ein, im Fahrerlager herrscht reges Treiben, Projektleiter Tom Eder hat alle Hände voll zu tun, die zahlreichen Gespanne, LKWs und Zelte zu platzieren. Am Abend zeigt sich dann ein tolles Bild: die Fahrzeuge stehen perfekt in Reihe, das Versorgungszelt, flankiert von Lothar Pantens wunderschön restauriertem Renntransporter, bildet den Schluss des Formel Vau Fahrerlagers.

Das besondere Flair der Stunde der Formel Vau macht auch die erweiterte Fahrerschaft aus. Denn neben den Piloten der internationalen Serie DMV Formel Vau können bei diesem unter Clubsport-Regeln stattfindenden Stundenlauf auch einmal Fahrer mitmachen, die im Vau-Zirkus sonst selten zu sehen sind, bzw. das erste mal Rennsport-Luft schnuppern. Und das Stundenformat macht auch Fahrerwechsel – während des Pflicht-Boxenstops – möglich.
So sind einige Vater-Sohn-Teams am Start. Rüdiger Müller teilt sich das Cockpit seines Christmann Zweivergasers mit seinem Vau-begeisterten Sohn Nils, auch Walter Müller holt sich Verstärkung für seinen Ralt Super Vau im eigenen Nachwuchs. Dennis Müller pilotiert das Auto schon das zweite Mal. Und auch der Sieger der DMV Formel Vau 2020, Peter Kirchner, hat seinen Junior ins Boot geholt. Alexander Kirchner hatte gerade erst im April seinen Geburtstag gefeiert und schlägt sich sensationell gut beim ersten Einsatz im Merlin seines Vaters.

Auch echte Granden der Formel Vau setzten sich wieder ins Cockpit. Walter Löffelsender, der Formel Vau Meister des Jahres 1973 – damals gab es als Bonus einen schwarz-gelben Käfer – hatte am Steuer eines Motul FV 1300 einen Riesenspaß. Runde für Runde feilte er an seinen Rundenzeiten, im Fahrerlager holten sich „Jungspunde“ bei ihm wertvolle Fahrtipps. Zur Freude der gesamte Vau-Community war auch Fred Hoenle wieder dabei und feierte ein wohl einmaliges Jubiläum. Schon beim Jim-Clark-Revival am 16. April 1972 startete er seinem Kaimann Super Vau im Lauf zum ONS-Pokal. Und mit exakt diesem Fahrzeug startet Fred 50 Jahre später auch hier beim Jim-Clark-Revival.

Nun zum sportlichen Teil: Am Freitag stimmt Fahrtleiter Max Kohler die Fahrer auf ein anspruchsvolles Wochenende ein. Denn die Stunde der Formel Vau ist für Mensch und Material eine besondere Herausforderung. Das Gleichmäßigkeitsformat wird hier quasi auf die Spitze getrieben. Es gilt in 60 Minuten möglichst gleichmäßige Runden zu drehen, dazu kommt noch ein Pflichtboxenstop, der mit Ein-und Ausfahrrunde minimal 10 Minuten und maximal 15 Minuten dauern darf. Traditionell werden Familienmitglieder der Fahrer zur Boxencrew rekrutiert. Dazu kommt die schiere Menge der Fahrzeuge auf der Strecke. 54 Teilnehmer hatten sich zur „Stunde“ angemeldet. Das sorgt für viel Verkehr auf der Strecke.

Das freitägliche Qualifiying bestimmt die Position in der Startaufstellung und sortiert so das Feld nach Leistungsfähigkeit von Fahrer und Fahrzeug. Die schnellsten Runden drehen naturgemäß die späten wassergekühlten Super Vau, im Grunde Formel 3-Rennwagen der 80er, bestückt mit VW 1600er-Motoren der 1. Generation Golf. Weiter geht’s mit modernen Formel Vau der 90er Jahre, den luftgekühlten Super Vau der 70er, Zweivergasern der 70er und Einvergasern der 60er. Besonders schnell unterwegs war das Duo Büchl/Brosch (Lola T328): 1:50.376 bedeuteten die Poleposition. Schnellster Klasse 7-Pilot war einmal mehr Joe Welzel (DRM, 2:00.876), sensationell schnell bewegt Fred Hoenle seinen Jubiläums-Kaimann als schnellster Klasse-4-Bolide (2:08.423). Das Duo Spanbroek/Rijlaarsdam zeigt ebenfalls im Kaimann, dass mit einem Zweivergaser Top-Zeiten möglich sind (2:07.998). Michael Knebel holt sich im Austro Vau die „Klassenbestzeit“ der Klasse 2 (2:14.378) und bei den ältesten Fahrzeugen im Feld macht Calvin Stauff im Autodynamics auf sich aufmerksam (2:36.796)

Nach den ersten tollen Eindrücken auf der Strecke geht man am Freitag abend zum gemütlichen Teil über. Auf Initiative von Gerold Link und Lothar Panten wird vor dem historischen Racetruck groß aufgetischt. Es wird gegrillt, aus der Zapfanlage fließt kühles Bier – da lässt sich die Fahrerschaft (nebst Teams und Familie) nicht zweimal bitten. Die Erleichterung ist allerorten zu spüren. Zwei Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie herrscht im Formel Vau-Fahrerlager endlich mal wieder so etwas wie Normalität. Man sitzt zusammen, kann wieder ungestört Benzingespräche führen. Großen Dank noch einmal an die vielen Helfer und natürlich an die Organisatoren Gerold und Lothar – ohne Euch wäre diese tolle Sause nicht möglich gewesen!

Am Samstag genießen die meisten Vauler das wunderbare Ambiente der Bosch Hockenheim Historic. Es gibt extrem viel zu sehen. Formel 1-Renner der Zehnzylinder-Ära sorgen für Gänsehaut. Gruppe C-Fahrzeuge und CanAms brausen über die Zielgerade, das Fahrerlager ist bestens gefüllt von Interessierten. Immer wieder rollen feinste Rennsport-Klassiker vorbei. Auch hier hat man das Gefühl, dass in den historischen Motorsport endlich wieder das normale Leben einkehrt.

Den Stundenlauf der HFVE hat der Veranstalter sozusagen als krönenden Abschluss ans Ende des Tages gelegt. Die Tribünen sind noch gut frequentiert, das gigantische Starterfeld beeindruckt bei der Einfahrt ins Motodrom. Nach dem Start bilden sich mehrere „Kampfgruppen“ in denen – natürlich immer mit einem Sicherheitspolster – zur Freude der Zuschauer um Positionen gekämpft wird. Insbesondere die Klasse-2-Fahrzeuge zeigen tolles Racing, ganz wie in den glorreichen Vau-Zeiten…
Zur Mitte des Laufs dann der obligatorische Boxenstopp: Nach und nach füllt sich die Boxengasse, fast schon professionell werden routiniert die Fahrzeuge abgefertigt. Nachtanken, Fahrerwechsel, Zeit stoppen – bei fast allen klappt der Stopp nahezu perfekt.

Zwei kleine Wermutstropfen trüben den ansonsten extrem gelungenen Lauf. Zunächst geraten bei der Einfahrt ins Motodrom der überrundende schnelle Klasse-5-Lola T 620 von Heiko Engelke und der Klasse 2-Kaimann MK4 von Heinrich Heuschele aneinander. Der Lola steigt auf und landet unsanft. Der Super-Vau rettet sich im Anschluss schwer lädiert um die Kurve und fällt aus. Und kurz vor Schluss erwischt es Newcomer Ulli Degel (Olympic) in Kurve 1: Beim Überfahren der Curbs gerät der wunderschöne Klasse 2-Bolide ins rotieren und schlägt danach hart ein. Zum Glück bleiben alle Fahrer unverletzt, nur die schönen Formel Vaus werden viel Arbeit brauchen …

Zum Resultat: Die Klassenwertungen gewinnen folgende Fahrer/Teams: Klasse 1: Calvin Stauff (Autodynamics), Klasse 2: Heike Volk (Hick), Klasse 3: Thomas Renn/ Ruben van Hoorn (Dahm Car), Klasse 4: Fred Hoenle (Kaimann), Klasse 5: Dennis und Walter Müller (Ralt), Klasse 6: Andreas Mundt (Scarab), Klasse 7: Frank Böning. Wahnsinn! Fred Hoenle holt sich 50 Jahre nach seinem ersten Start beim Jim Clark Revival mit seinem Kaimann den Klassensieg.

Auch die Gesamtwertung schrieb eine schöne Geschichte: Calvin Stauff hatte vor zwei Jahren als Teil eines Juniorenprojekts begonnen, eins der ältesten Vau-Fahrzeuge, einen Autodynamics von 1964 zu restaurieren. Das Auto war komplett zerlegt, den Motor baute er selber auf, eignete sich dabei das nötige Wissen selber an. Nach einem durchwachsenen Start bei der letztjährigen „Stunde der Formel Vau“ lief es nun deutlich besser für den jungen Kölner. 859 Strafpunkte bedeuteten nicht nur den Klassensieg in Klasse 1, sondern am Ende auch Platz 1 im Gesamtklassement. Platz 2 sicherte sich Klasse-7-Pilot Frank Böning (Mega), Freggle Heuschele holte sich beim ersten Start in seinem frühen Einvergaser gleich den dritten Platz. Das Vater-Sohn-Duo Dennis und Walter Müller (Ralt) freute sich über Platz 4. Und Heike Volk (Hick) zeigte als erfolgreichste weibliche Starterin mit Platz 5, dass auch mit den “Vau-Damen” immer zu rechnen ist.

Text: Thomas Cramer
Fotos: Leo Eder